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Lohnabschluss Metallindustrie 2017
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Schichtarbeit: Zwischen Belastung und Notwendigkeit

Auswirkungen auf die Gesundheit nach fünf Jahren spürbar

In Österreich arbeiten fast 20 Prozent der ArbeitnehmerInnen im Schicht-, Turnus- oder Wechseldienst, das sind 713.400 in absoluten Zahlen. Dass Arbeitszeiten gegen die innere Uhr auf Dauer Gesundheit und Privatleben gleichermaßen belasten, ist bekannt und bewiesen. Um die Attraktivität von Schichtarbeit zu erhöhen, stellen Betriebe auf gesündere und arbeitnehmerfreundliche Schichtmodelle um. Allerdings gibt es dagegen oft auch Widerstände.

„Also wenn du Familie hast, ist das nicht möglich“, ist für Manuel Pretsch von der Firma Cegelec klar. Der Elektro- und Energietechniker hat nach seiner Lehre zwei Jahre lang nur in der Nacht gearbeitet und dabei Instandhaltungsarbeiten im Stark- und Schwachstrombereich für die Wiener Linien – vor allem im U-Bahn-Bereich – durchgeführt. „Du hast ja nur ein kurzes Zeitfenster, in dem die Stromschienen abgedreht sind, das heißt, du musst schon richtig reinhackeln. Wenn um 4.30 Uhr die U-Bahnen wieder fahren, muss ja alles fertig sein und funktionieren“, erzählt der 36-Jährige. Belastend fand er die Nachtarbeit eigentlich nicht. „Ich hatte damals noch keine Kinder, und da habe ich einfach den umgekehrten Tag-Nacht-Rhythmus am Wochenende beibehalten. Wenn man Kinder hat und sich jedes Wochenende umstellen muss, könnte ich mir das auf keinen Fall vorstellen“, so Pretsch. Vor allem viele junge Leute hätten in seinem Betrieb Interesse an der Nachtarbeit.

Arbeiten, wenn alle schlafen
Nachtarbeit ist in Österreich weit verbreitet, wie aus Zahlen der Statistik Austria von 2016 hervorgeht. Knapp 610.000 ArbeitnehmerInnen verrichten ihre Arbeit, während alle anderen schlafen, das sind 16,5 Prozent aller unselbstständig Beschäftigten. Davon arbeitet der größte Teil in der Herstellung von Waren, knapp gefolgt vom Gesundheits- und Sozialwesen. Wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass sich Nachtarbeit vornehmlich negativ auf die Gesundheit auswirkt. Wochenend- und Abendarbeit hingegen schränken die gesellschaftliche Teilhabe der ArbeitnehmerInnen stark ein. In Österreich und Europa hat sich deshalb ein Wechselschichtsystem, das heißt wechselnde Arbeitszeiten in regelmäßigen Abständen, durchgesetzt, um die Belastung auf alle ArbeitnehmerInnen gleichmäßig zu verteilen. In den USA ist es eher üblich, in Dauerschichten zu arbeiten, das heißt zum Beispiel über sechs Monate nur Nachtschichten zu machen, ehe man in eine andere Schicht wechselt.

Arbeit gegen die Natur
Gabriela Hiden, Leiterin der Abteilung Arbeitstechnik, Sicherheit und Gesundheit der PRO-GE, weiß um die negativen Folgen von Nacht- und Schichtarbeit. Sie wird von BetriebsrätInnen hauptsächlich gerufen, um sie in puncto Arbeitszeit und Schichtplanerstellung zu beraten. „Schichtarbeit ist immer Arbeit gegen die Natur. Wir wissen, dass acht Stunden Nachtarbeit so anstrengend sind wie 12,5 Stunden Tagarbeit“, erklärt die Expertin. Dementsprechend lange ist die notwendige Regenerationsphase. Erwiesen ist auch, dass der Tagschlaf oft kürzer ausfällt als der Nachtschlaf. Auf Dauer fehlt also die nötige Erholung, das Krankheitsrisiko steigt (siehe Kasten).

Während sich die Nachtarbeit also besonders auf die Gesundheit auswirkt, ist die Spätschicht sozial am unverträglichsten, denn genau in dieser Zeit spielt sich der Hauptteil des familiären und gesellschaftlichen Lebens ab. Egal ob man sich in einem Verein engagieren will, eine Weiterbildung besuchen oder ein Sportangebot wahrnehmen möchte – Schichtdienste machen diese Teilhabe beinahe unmöglich. Ganz zu schweigen von den Problemen der Vereinbarkeit mit dem Familienleben. Besonders für Alleinerziehende ist es schwer, und sie opfern zugunsten der notwendigen Kinderbetreuungs- und Haushaltspflichten oft ihre Erholungszeiten.

Auswirkungen nach fünf Jahren spürbar
„Es gibt wahrscheinlich auch den geborenen Schichtarbeiter, der kaum Auswirkungen spürt. Statistisch gesehen sind bei den meisten Menschen aber nach fünf Jahren erste negative Folgen der Arbeit gegen die innere Uhr zu beobachten“, weiß Hiden. Die gesundheitlichen Risiken sind für die Betroffenen selbst allerdings oft schwer direkt messbar. Einerseits bauen sich negative Folgen erst langsam auf und meistens sind sie nicht eins zu eins auf die Schichtarbeit zurückzuführen, andererseits scheiden aus der Statistik jene aus, die Schichtdienste nicht mehr leisten können oder wollen. Natürlich gibt es auch Vorteile für SchichtarbeiterInnen. „Bei der Kassa im Geschäft hab ich mich zum Beispiel nie anstellen müssen“, grinst Pretsch und ergänzt: „Und natürlich hat man durch die Zulagen schon gut verdient.“ Auch andere Erledigungen oder Amtswege sind für SchichtarbeiterInnen einfacher als für manche Büroangestellte.

Steigender Bedarf von Wirtschaftsseite
Der Bedarf an Arbeitskräften, die zu untypischen Zeiten arbeiten, ist von Wirtschaftsseite her auf jeden Fall da. Die Anzahl jener, die Abend-, Nacht- und Wochenendarbeit leisten, stieg die letzten Jahre – mit Ausnahme des Krisenjahres 2009 – kontinuierlich. Doch was ist die Motivation, trotz erwartbarer negativer Folgen diese Arbeit zu verrichten? „Ich denke, der finanzielle Anreiz spielt bei vielen eine immer kleinere Rolle. Ich persönlich habe es damals wegen dem Zeitgewinn gemacht“, erklärt Pretsch seine Motivation, Nachtarbeit geleistet zu haben. „Die effektive Arbeitszeit in der Nacht war kürzer als am Tag. Wir haben zwar auch mehr geleistet, kaum Pausen gemacht und der Druck, fertig zu werden, war größer, dafür waren wir früher wieder zu Hause. Außerdem fällt in der Nacht die An- und Heimreisezeit kürzer aus, weil du ja keine Staus und keinen Verkehr hast“, so der heutige Betriebsratsvorsitzende. In seinem Betrieb hätten vor allem junge ArbeiterInnen Interesse, die notwendigen Nachtarbeiten zu übernehmen.

Limit erreicht
„Wir werden hauptsächlich in die Betriebe gerufen, um bei der Erstellung eines neuen Schichtplans zu helfen“, berichtet Hiden. „Entweder weil die Betriebslaufzeit erhöht wird oder weil die bisherige Variante nicht mehr geht, weil es zu wenig Reservepersonal gibt und die ArbeitnehmerInnen durch zu viele Überstunden am Maximum ihrer Leistungsfähigkeit angelangt sind.“ Die BetriebsrätInnen haben es dabei oft nicht leicht, weiß Hiden. Einerseits wissen sie, welche Maßnahmen gut für die Gesundheit ihrer MitarbeiterInnen wären, andererseits bedeutet die Umstellung auf einen gesünderen Schichtplan oft auch Lohneinbußen für die Beschäftigten. Dazu kommt noch, dass sich die Umstellung nicht nur auf die Arbeitenden selbst, sondern auch auf das Privatleben, auf ihr Umfeld und auf ihre persönliche Lebensplanung auswirkt.

Diesen Spagat zu schaffen und für alle eine gute Lösung zu finden ist eine große Herausforderung. „Wenn man jemanden auf der Straße fragt: ‚Was ist das Wichtigste im Leben für dich?‘, werden alle antworten: ‚Die Gesundheit.‘ Kommt es aber dann in einem Betrieb dazu, ein Schichtmodell einzuführen, das zwar für die Gesundheit und das Privatleben von Vorteil, aber gleichzeitig auch etwas weniger Geld am Ende des Monats bedeutet, rutscht der Gesundheitsgedanke gleich wieder auf den zweiten Platz“, weiß Hiden aus Erfahrung.

Schichtplanumstellung bei ZKW Lichtsysteme GmbH
Auch bei der Firma ZKW Lichtsysteme GmbH am Standort Wieselburg kam es zur Umstellung des Schichtplans in Folge der Ausweitung der Betriebslaufzeit. „Im Bereich der Kunststoffscheibenproduktion waren die Aufträge mit dem vorhandenen Schichtmodell nicht mehr zu bewältigen, und so wurde die Betriebslaufzeit auf den Sonntag und damit auf einen vollkontinuierlichen Schichtbetrieb ausgedehnt“, erklärt Christian Fußthaler, Arbeiterbetriebsratsvorsitzender. Zu diesem Zweck wurde eine fünfte Schichtgruppe eingeführt und von einem 18- bzw. 19-Schicht-Modell auf ein 21-Schicht-Modell umgestellt. Damit einher ging die Reduktion der Normalarbeitszeit auf 32,2 Stunden.

„Anfangs gab es schon auch sehr kritische Diskussionen und viele Fragen. Vor allem das Finanzielle und die Vereinbarkeit mit der Familie waren Themen. Besonders für MitarbeiterInnen mit Familie ist es natürlich schwierig, wenn der Sonntag auch zum normalen Arbeitstag wird“, erinnert sich Fußthaler. Das internationale Unternehmen beschäftigt am Hauptsitz in Wieselburg über 3.000 MitarbeiterInnen. Die Größe des Unternehmens machte es daher möglich, MitarbeiterInnen einen Arbeitsplatz in einem anderen Bereich anzubieten, wäre der Schichtplanwechsel für jemanden nicht möglich gewesen. „Durch die Umstellung sind viele Überstunden weggefallen, was sich vor allem am Lohnzettel widerspiegelt. Dafür haben die Leute jetzt unterm Strich mehr freie Tage und die Akzeptanz für das neue Modell ist unter den Beschäftigten heute großteils da“, so Fußthaler.

Kommunikation das Allerwichtigste
Was bei einer Schichtplanumstellung besonders wichtig ist? „Aus unserer Erfahrung ist es besonders wichtig, die ArbeitnehmerInnen in den Prozess einzubinden und sie nicht vor vollendetet Tatsachen zu stellen. Lässt man die Beschäftigten mitgestalten, wirkt sich das sehr positiv auf die Motivation und damit auf die Gesundheit aus“, so die PRO-GE Expertin Hiden. Wie wichtig das ist, bestätigt rückblickend auch Fußthaler. „Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation. Das ist das allerwichtigste. Und das so früh wie möglich und auch vonseiten der Firma. Und natürlich müssen die MitarbeiterInnen merken, dass die Spielregeln passen, das heißt, dass die Vereinbarungen zu Arbeitszeit und Geld vernünftig sind“, so der Arbeiterbetriebsratsvorsitzende.

„Die Tendenz geht in jeder Firma in Richtung Effizienzsteigerung und Kostenersparnis. Das wirkt sich natürlich auch auf die MitarbeiterInnen aus. Jede Firma muss schauen, hier eine Balance zu finden. Die ArbeitnehmerInnen müssen einen Anreiz haben – ein Zuckerl, entweder in Form von Zeit oder Geld –, damit sie diese Arbeit gut erledigen. Denn das ist die pure Motivation und zufriedene MitarbeiterInnen sind schließlich das Um und Auf für jedes erfolgreiche Unternehmen“, resümiert Pretsch.

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