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Der hart erkämpfte Platz in der Demokratie

„Behüte der Himmel! Sie meinen es politisch“, schrieb 1907 der Publizist Karl Kraus über die Frauen, die das Frauenwahlrecht einforderten. Im gleichen Jahr wurde das allgemeine und gleiche Wahlrecht für Männer ab 24 Jahren eingeführt. Jenes für Frauen sollte erst 1918 kommen. Es war ein langer und harter Kampf um das Recht, mitbestimmen zu dürfen.

100 Jahre Frauenwahlrecht

Copyright: ÖGB-Fotoarchiv
Arbeiterzeitung vom 20. März 1911 Copyright: ÖGB-Fotoarchiv
Die ersten Frauen in der Nationalversammlung Copyright: ÖGB-Fotoarchiv, VGA/AZ-Bildarchiv, ÖNB-Bildarchiv, picturedesk.com

Wien, 1874. Das Leben pulsiert. Die beginnende Industrialisierung zieht immer mehr Menschen an, doch weite Teile der Bevölkerung sind verarmt. Es gibt zu wenig und nur teuren Wohnraum, „Bettgeher“ mieten sich einen Schlafplatz für Stunden. Die hygienischen Bedingungen sind vielerorts desaströs. Krankheiten grassieren, Tuberkulose, Syphilis und Krätze sind weit verbreitet. Arbeitszeitregelungen, Urlaubsanspruch, Wöchnerinnenschutz, Verbot von Kinderarbeit – all das ist noch in weiter Ferne.

In diesem Jahr wird in Wien Anna Boschek geboren. Das Kind eines Gepäckträgers und einer Heimarbeiterin wird einmal die erste Gewerkschafterin Österreichs sein und sich unermüdlich für verbesserte Arbeitsbedingungen von Frauen und für das Frauenwahlrecht einsetzen. Denn beides ist untrennbar miteinander verbunden: will man arbeitsrechtliche Verhältnisse verbessern, muss man mitreden dürfen.

Nach dem frühen Tod des Vaters müssen Anna und ihre drei Geschwister bald selbst mitanpacken. Schon mit elf Jahren arbeitet sie täglich nach der Schule vier Stunden in einer Perlenbläserei. Mit 13 Jahren verlässt sie die Schule um im feuchten Keller einer Galvanisierungsstätte zu arbeiten – von sieben Uhr morgens bis acht Uhr abends. Danach wechselt sie mehrmals den Arbeitsplatz bis sie eine dauerhafte Beschäftigung als Spulerin in einer Trikotfabrik findet. Die als „leichte Arbeit mit gutem Lohn“ annoncierte Stelle ist in Wirklichkeit ein schlecht bezahlter, „knochenharter“ Job mit langen Arbeitszeiten.

Zu dieser Zeit war es Frauen noch verboten, politischen Vereinen beizutreten, geschweige denn sie zu gründen. Eine Kollegin sagte damals zu Anna, sie sei überzeugt, bessere Löhne erringen zu können, würden nur alle zusammenhalten. Etwas, das Anna als erste Frau in der Gewerkschaft noch in zahlreichen Artikeln fordern wird.

Frauen in der Arbeiterbewegung

Wie ungewöhnlich es damals war, dass Frauen in der Öffentlichkeit sprechen, zeigt der Anlass des ersten Frauenstreiks. Amalie Ryba (später Seidel) wurde entlassen, weil sie im Betrieb eine Rede gehalten hat. Die Streikenden forderten im Mai 1893 nicht nur ihre Wiedereinstellung, sondern auch Verbesserungen ihrer Arbeitsverhältnisse. Es gelang schließlich, einige Forderungen zu erfüllen – etwa den Zehnstundentag und die Bezahlung von Überstundenzuschlägen. Auch in Gewerkschaften waren Frauenrechte lange Zeit kein Thema. Beim ersten Gewerkschaftskongress ebenfalls 1893 wurde der Antrag, dass in allen Fachgruppen auch Frauen als Mitglieder akzeptiert werden sollten zwar angenommen, erst ein Jahrzehnt später aber Realität.

Der lang ersehnte Durchbruch

1907 wurde schließlich das allgemeine Männerwahlrecht eingeführt. Vier Jahre später, im März 1911 forderten beim ersten Internationalen Frauentag auch rund 20.000 Frauen das Recht ein, wählen zu dürfen. Doch der erste Weltkrieg machte alle frauenpolitischen Ambitionen – zumindest vorübergehend – zunichte. Erst nach Ausrufung der 1. Republik wurde im Dezember 1918 das Frauenwahlrecht eingeführt. Bei den Wahlen zur konstituierenden Nationalversammlung am 16. Februar 1919 galt schließlich das allgemeine, geheime und gleiche Wahlrecht für alle Männer und Frauen über 20 Jahre. Am 4. März 1919 zogen erstmals Frauen in die Nationalversammlung ein: Gabriele Proft, Emmy Freundlich, Adelheid Popp, Therese Schlesinger, Marie Tusch, Hildegard Burjan, Amalie Seidel und Anna Boschek.

VIDEO: 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich

 

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