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„Das Elend machte mich zur Sozialistin!“

Rosa Jochmann (1901–1994) war als Zeitzeugin, ehemalige Widerstandskämpferin und Überlebende des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück bekannt und galt als „Grande Dame“ der Sozialdemokratie. Sie war zeit ihres Lebens eine glühende Kämpferin gegen Rassismus, Antisemitismus und Faschismus.
Rosa Jochmann mit Bundeskanzler Franz Vranitzky 1991
Rosa Jochmann mit Bundeskanzler Franz Vranitzky 1991 Rosa Jochmann mit Bundeskanzler Franz Vranitzky 1991

Am 19. Juli 1901 als viertes von insgesamt sechs Kindern in Wien geboren, wuchs Rosa Jochmann in einer böhmischen ArbeiterInnenfamilie auf. Die Eltern starben früh (1914 und 1920). Nach dem Tod der Mutter begann Rosa mit knapp vierzehn Jahren in einer Süßwarenfabrik zu arbeiten. Mit 19 Jahren wurde sie Betriebsrätin in einer Glühstrumpf-Fabrik. Bald engagierte sie sich in der Gewerkschaft und wurde 1925 Gewerkschaftssekretärin des Chemieverbandes. In den 1920er-Jahren trat sie der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei und stieg rasch bis in die Parteispitze auf.

Rosa Jochmanns gefälschter Ausweis
Nach den Februarkämpfen 1934 und dem Verbot der SDAP gelang es Jochmann bis in den August, mit einer gefälschten Identität der Verhaftung zu entgehen.

Politische Haft und KZ

Nach dem Parteiverbot war Rosa Jochmann unter dem Decknamen Josefine Drechsler aktiv und am Aufbau der illegalen Revolutionären Sozialisten maßgeblich beteiligt. 1934 wurde sie bei einer Untergrundaktion verhaftet und zu einem Jahr Kerker und drei Monaten Polizeistrafe verurteilt. Obwohl man ihr die Möglichkeit zur Flucht bot, blieb die Widerstandskämpferin nach dem Anschluss in Wien. 1939, unmittelbar vor Kriegsausbruch, wurde sie verhaftet und nach sieben Monaten Gestapo-Haft im März 1940 mit dem Vermerk „Rückkehr unerwünscht“ ins KZ Ravensbrück deportiert. Durch die Fürsprache von Käthe Leichter wurde sie zur Blockältesten bestimmt, einer Art Vermittlerin zwischen Lagerleitung und Häftlingen. Sie überlebte unter anderem eine sechsmonatige Dunkelhaft mit Essensentzug und Zwangsarbeit im Industrieblock bis zur Befreiung 1945.

Rosa Jochmann 1960
Rosa Jochmann engagierte sich von jungen Jahren bis ins hohe Alter politisch. Sie sagte dazu einmal: „Ich habe in meinem Leben viel Elend und Not gesehen. Das Elend hat mich zur Sozialistin gemacht. Ich bin, ich war und ich werde immer Sozialistin bleiben!“

Ihren Prinzipien treu

Zurück in Wien lehnte sie das Angebot entschieden ab, in eine leer stehende, „arisierte“ jüdische Villa in Döbling (die nationalsozialistischen Bewohner waren zuvor geflohen) zu ziehen, und gab sich jahrelang mit einem Einzelraum als Bleibe zufrieden. Sie setzte ihre politische Tätigkeit in der SPÖ bis 1967 fort, war ab 1945 Mitglied des Parteivorstandes, Nationalratsabgeordnete und ab 1959 auch Bundesfrauenvorsitzende. Sie war außerdem lange Vorsitzende des Bundes Sozialistischer Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus (1948–1990), Vorsitzende der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück (1984–1994) sowie Vizepräsidentin des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (1963–1994).

Unermüdliche Mahnerin

Als 1978 das Unterrichtsfach „Politische Bildung“ eingerichtet wurde, stellte sie sich, bereits 77-jährig, als Zeitzeugin zur Verfügung. Sie besuchte Hunderte Schulen, führte unzählige Gespräche mit jungen Menschen und sprach auf Kongressen im In- und Ausland, um vor Rechtsextremismus und Antisemitismus zu warnen. Ihren letzten großen öffentlichen Auftritt hatte sie beim Lichtermeer 1993 gegen das Anti-Ausländer-Volksbegehren „Österreich zuerst“ der FPÖ. Am 28. Jänner 1994 verstarb Rosa Jochmann im 93. Lebensjahr.

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