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Schule zweiter Klasse?

In österreichischen Berufsschulen wird Hervorragendes geleistet. Engagierte Lehrerinnen und Lehrer vermitteln Fachkompetenz und Allgemeinwissen und bereiten die Lehrlinge bestmöglich auf ihr weiteres Berufsleben vor. Vonseiten der Politik werden Berufsschulen jedoch stiefmütterlich behandelt.
Bild: PantherMedia/Bernd Geller
Schulsprecherin Verena Ehrengruber: "Berufsschulen hinken der Digitalisierung hinterher."
Berufsschullehrer Markus Brunner: "Notwendigkeit von mehr Unterstützungspersonal hat sich während der Coronapandemie deutlich gezeigt."
Weiblicher Lehrling beim Vermessen eines Werkstückes Bild: PantherMedia/Bernd Geller
Portrait Verena Ehrengruber Schulsprecherin Verena Ehrengruber: "Berufsschulen hinken der Digitalisierung hinterher."
Portrait Markus Brunner Berufsschullehrer Markus Brunner: "Notwendigkeit von mehr Unterstützungspersonal hat sich während der Coronapandemie deutlich gezeigt."

116.759 Personen besuchten laut Statistik Austria im Jahr 2021 eine Berufsschule, immerhin mehr als zehn Prozent aller Schülerinnen und Schüler. In der öffentlichen Wahrnehmung schlägt sich dies kaum nieder, in der bildungspolitischen Debatte sind Berufsschulen bestenfalls eine Randnotiz. Während in den vergangenen Jahren ausgiebig über Zentralmatura oder Ganztagsschulen diskutiert wurde, hat man selten ein Statement eines Politikers zum Thema Berufsschulen vernommen.

BerufsschülerInnen fühlen sich ignoriert

Der frühere Bildungsminister Heinz Fassmann hat es auf zwei Presseaussendungen seines Ministeriums gebracht, in dem das Wort Berufsschule vorkam. Bei seinem Nachfolger Martin Polaschek sieht die Bilanz bis dato noch düsterer aus. Kein Wunder also, dass sich die BerufsschülerInnen ungenügend von der Politik vertreten fühlen. Das hat eine Umfrage unter 1.182 BerufsschülerInnen, durchgeführt von der Österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) im Februar dieses Jahres, gezeigt. 76 Prozent der Befragten geben an, dass von der Politik kaum oder gar nicht auf ihre Situation eingegangen wird.

Dass diese Einschätzung richtig ist, hat sich eindrucksvoll während der ersten Jahre der Coronapandemie gezeigt. Bei der Auslieferung der Test-Kits an Schulen wurden die Berufsschulen nachrangig behandelt und erhielten erst Wochen später ausreichend Selbsttests. Um auch Lehrlingen einen sicheren Schulbesuch zu ermöglichen, wurde in manchen Bundesländern zur Selbsthilfe gegriffen und nicht verwendete Test-Kits von anderen Schulen wurden zu Berufsschulen umgeleitet, wie Lehrergewerkschafter berichteten. Ebenso wurde bei der Ausstattung von Schülerinnen und Schülern mit Laptops für das Distance Learning auf Berufsschulen vergessen, und auch beim Nachhilfefördertopf wurden Lehrlinge nicht berücksichtigt.

Finanzielle Ausstattung verbessern

„Gerade angesichts des sich verschärfenden Fachkräftemangels in Industrie und Handwerk muss alles getan werden, um die Lehre zu attraktivieren. Dazu gehört – neben fairen Arbeitsbedingungen und einer guten Ausbildungsqualität im Betrieb – auch, dass BerufsschülerInnen nicht mehr länger als SchülerInnen zweiter Klasse behandelt werden“, so Stefan Laufenböck, Bundesjugendsekretär der PRO-GE. Die Ansprüche an die Lehrlingsausbildung seien gestiegen, die Digitalisierung verlangt den jungen Menschen viel an spezifischen Kenntnissen ab. Berufsschulen leisten hier gute und wichtige Arbeit, sie vermitteln fachliches Know-how sowie Allgemeinbildung und sind neben dem Lehrbetrieb ein wichtiger Faktor für die Sozialisierung der Jugendlichen, betont Laufenböck.

Die PRO-GE Jugend fordert daher seit Langem eine bessere finanzielle Ausstattung der Berufsschulen. „Viele Berufsschulen sind von Sachspenden aus den Betrieben abhängig. Es ist positiv, wenn sich Unternehmen hier engagieren, jedoch sollte Bildung im Allgemeinen autonom gegenüber privaten Spendern sein“, erläutert der Jugendsekretär. Dass bei der Finanzierung der Berufsschulen Nachholbedarf besteht, hat auch eine Aufschlüsselung der Bildungsausgaben durch das Momentum-Institut ergeben. Österreich gibt rund neun Prozent der öffentlichen Gelder für Bildung aus. Der Löwenanteil fließt in Volksschulen und Neue Mittelschulen, gefolgt von Universitäten. Die Berufsschulen erhalten nur ein kleines Stück vom Kuchen. Magere drei Prozent der Bildungsausgaben werden dafür aufgewendet, berufsbildende mittlere und höhere Schulen erhalten elf Prozent und auf den AHS-Bereich entfallen immerhin noch neun.

Psychische Gesundheit im Fokus

Die mangelnde Finanzierung schlägt sich nicht nur in der Ausstattung in manchen Berufsschulen nieder, sondern auch die Betreuung abseits des Unterrichts ist verbesserungswürdig. Die ersten Pandemie-Jahre und die damit verbundenen Unsicherheiten haben den Lehrlingen zugesetzt, die psychische Gesundheit vieler Jugendlicher hat gelitten. Die PRO-GE Jugend fordert daher den Ausbau der psychosozialen Unterstützung für alle BerufsschülerInnen. „Schule ist mehr als lernen. Jugendliche brauchen Anlaufstellen, an die sie sich mit ihren Problemen wenden können. Auch an den Berufsschulen braucht es endlich mehr SozialarbeiterInnen und SchulpsychologInnen“, sagt Laufenböck.

Verena Ehrengruber, Schulsprecherin Berufsschule Linz 3:

Aufholbedarf bei Digitalisierung
Dass die Berufsschulen und insbesondere die BerufsschülerInnen in der Coronapandemie öfter den Kürzeren gezogen haben, ist mittlerweile jedem bewusst. Bei Pressekonferenzen wurden die Berufsschulen nicht erwähnt und wir wurden teilweise vergessen bei Masken und Test-Kits. Die allgemeine Stimmung unter den jungen Auszubildenden wurde zunehmend schlechter, wie auch der Lehrlingsmonitor widerspiegelt. Durch die schlechte Kommunikation der Politik während der Pandemie war der Unterrichtsablauf oft für LehrerInnen wie SchülerInnen unklar. Man ist als BerufsschülerIn anscheinend nicht so relevant wie SchülerInnen anderer höherer Schulen, weil man Abläufe und Infos spät bekommen hat. Es fehlt auch an Leihlaptops für die SchülerInnen und generell hinken Berufsschulen meist der Digitalisierung hinterher. Dass BerufsschülerInnen den Schulalltag so gut meistern, hat meiner Meinung nach wenig damit zu tun, dass eine Berufsschule so gut ausgestattet ist, sondern damit, dass sich die SchülerInnen jeder Situation gut anpassen können. Diese Anpassungsfähigkeit ist zwar nicht schlecht, aber da muss etwas geändert werden!

Markus Brunner, Berufsschullehrer Landesberufsschule Knittelfeld:

Mehr Unterstützungspersonal nötig
Der Einstieg in die Berufsschule ist für die Jugendlichen nicht leicht: oftmals das erste Mal längere Zeit weg von zu Hause, das Internatsleben, neue Kontakte und dann kaum Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen, weil in neun Wochen der Stoff durchgemacht werden muss. Auch für uns Lehrer ist es oft eine Herausforderung, neben der Vermittlung der Unterrichtsinhalte individuell auf die SchülerInnen einzugehen und ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Helfen würde mehr Unterstützungspersonal, im administrativen sowie im psychosozialen Bereich. Die Notwendigkeit vor allem von Letzterem hat sich deutlich während der Coronapandemie gezeigt. Diese Zeit war schwierig – für uns LehrerInnen, aber vor allem für die SchülerInnen. Und auch jetzt spüren wir noch die Auswirkungen des Distance Learnings, mit dem manche SchülerInnen gut und manche weniger gut zurechtkamen. Ich würde mir auch wünschen, dass das Notensystem abgeschafft wird, denn der Druck wird immer höher, dass ein sehr guter Abschluss erreicht wird. Insgesamt leisten wir in den Berufsschulen gute Arbeit, das wird uns auch durch die Unternehmen bestätigt, die die Lehrlinge beschäftigen.

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