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Eine kurze Geschichte der Inflation

In der österreichischen Geschichte gab es immer wieder Zeiten hoher Inflation und wirtschaftlicher Krisen. Gewerkschaften und Kollektivverträge nahmen dabei häufig eine stabilisierende Rolle ein.
17.09.1911: Teuerungsdemo in Wien
1914: Soldaten ziehen in den Ersten Weltkrieg
1947: Hungerdemonstration in Wien
1962: Streik bei Siemens & Halske
2015: Konferenz von 2.000 Betriebsrät:innen der Metallindustrie in der Wiener Stadthalle; Die Verhandlungen starteten mit einem Eklat, die Arbeitgeber wollten erst verhandeln, wenn sie wüssten, was die Regierung plane (gesetzliche Erleichterungen für Arbeitnehmer:innen standen im Raum).
17.09.1911: Teuerungsdemo in Wien 17.09.1911: Teuerungsdemo in Wien
1914: Soldaten ziehen in den Ersten Weltkrieg 1914: Soldaten ziehen in den Ersten Weltkrieg
1947: Hungerdemonstration in Wien 1947: Hungerdemonstration in Wien
1962: Streik bei Siemens & Halske 1962: Streik bei Siemens & Halske
BR-Konferenz am 29.09.2015 in der Wiener Stadthalle 2015: Konferenz von 2.000 Betriebsrät:innen der Metallindustrie in der Wiener Stadthalle; Die Verhandlungen starteten mit einem Eklat, die Arbeitgeber wollten erst verhandeln, wenn sie wüssten, was die Regierung plane (gesetzliche Erleichterungen für Arbeitnehmer:innen standen im Raum).
Als Spanien im 16. Jahrhundert massiv Edelmetalle aus der Neuen Welt importierte, schien das perfekt geeignet, um die hohen Staatsausgaben zu finanzieren. Doch dann trat ein Phänomen zutage, das bis dahin nicht bekannt war: die Inflation.
 
Die Silbervorkommen in Südamerika waren so groß, dass noch vor Ort die Münzen gepresst wurden. Die importierten Reales sollten die ständig zu hohen Ausgaben des spanischen Königs decken. Doch der neue Reichtum war ein trügerischer. „Dank der Bergwerke in Südamerika ist auf einmal mehr Geld in der Welt. Es gibt aber deshalb nicht mehr Weizen, mehr Rinder oder mehr Bäume. Mit den in Potosí geprägten Münzen verhält es sich wie mit fast allen Dingen auf der Erde: Je mehr es von ihnen gibt, desto weniger sind sie wert. Also sinkt die Kaufkraft der neuen Münzen“, schreibt die ZEIT. Während also viele Kaufleute, Adelige und Banken von dem neuen Geld profitierten und reicher wurden, nahmen für die Mehrheit der Bevölkerung in Europa Hunger und Armut stark zu.
 
Der Zusammenhang von Geldmenge und Preis
 
Dass der Preis einer Ware insbesondere davon abhängt, wie viel Geld gerade im Umlauf ist, bestreitet seither niemand mehr. Besonders während oder nach Kriegen kam es durch übermäßige Ausgaben und das Anwerfen der Gelddruckmaschinen zur Hyperinflation, was für viele Menschen Elend und Hunger bedeutete. Aus diesem Grund gilt eine hohe Inflation auch als Schreckgespenst, das seither durch die Bevölkerung geistert. Lohnerhöhungen und Kollektivverträge wirkten hingegen oft stabilisierend.
 
Erster Weltkrieg und Kriegsinflation
 
Kriege sind teuer und so stiegen auch mit Beginn des Ersten Weltkrieges die Ausgaben für Rüstungsgüter. Neues Geld wurde gedruckt, die Staatschulden stiegen, gleichzeitig verknappte sich das Lebensmittelangebot. Die Preise stiegen um das 14-Fache. Zwar wurden Teuerungszulagen in den Kollektivverträgen verankert, doch diese waren freiwillige Leistungen der Unternehmen und konnten mit der hohen Inflation nicht mithalten. Wie schlecht es den Leuten ging, zeigte der Bergarbeiterstreik von 1915, obwohl Arbeitskämpfe strengstens verboten waren und harte Strafen drohten. Im Jänner 1918 entstand eine Streikbewegung, die von den Daimlerwerken in Linz ausging. Grund war die Halbierung der Kochmehlration, doch bald streiken 700.000 Arbeiter:innen in ganz Österreich ob der mangelnden Lebensmittelversorgung.
 
 
1914: Soldaten ziehen in den Ersten Weltkrieg 1914: Soldaten ziehen in den Krieg
 
 
Erste Republik – Von der Kriegsinflation in die Hyperinflation
 
Nach Kriegsende wurde die ohnehin hohe Kriegsinflation zur Hyperinflation. Die junge Republik musste die Schulden der ehemaligen Monarchie übernehmen, Kriegsanleihen bezahlen und Reparationszahlungen leisten. Also ließ die Regierung wieder Geld drucken, dazu kamen eine hohe Arbeitslosigkeit und ein aufgeblähter Beamt:innenapparat. Unter dem Titel „Lasset die Preise sprechen!“ listete die Arbeiterzeitung im Mai 1923 die Teuerungsraten auf: Kostete 1914 ein Paar Schuhe 45 Kronen, waren es jetzt 160.000. Eine Straßenbahnfahrt von den äußeren Proletariervierteln in die Stadt stieg von 20 Heller auf 1.700 Kronen – „eine 8.500-fache Erhöhung“, beklagte das Blatt. Um den „sozialen Frieden“ zu sichern und revolutionäre Bewegungen zu verhindern, erließ die Koalitionsregierung wichtige Sozialgesetze wie das Frauenwahlrecht oder den Achtstundentag. Dennoch war die Erbitterung über die ungeheure Teuerung groß, alleine 1921 kam es zu 391 Streiks von Arbeiter:innen. 1922 erhielt Österreich einen als „Völkerbundanleihe“ bekannten Auslandskredit, verpflichtete sich aber gleichzeitig zu weitreichenden Sparmaßnahmen, die vor allem zu Lasten der Beamt:innen und ArbeiterInnen gingen. Es kam zu Massenentlassungen, hoher Arbeitslosigkeit und Reallohnverlusten. Auch wenn die galoppierende Inflation gestoppt und die Währung durch den Umstieg auf den Schilling stabilisiert werden konnte, wurde man die sozialen und politischen Folgen die ganze Zwischenkriegszeit über nicht mehr los.
 
Die Rolle des Metallerverbands in der Ersten Republik
 
Die 200 verbliebenen Kollektivverträge der Metallarbeiter:innen und der 1919 abgeschlossene österreichweit gültige Rahmenkollektivvertrag erwiesen sich nach Ende des Ersten Weltkriegs als stabilisierende Faktoren. Der Metallerverband war damals die größte und einzige Gewerkschaft mit mehr als 100.000 Mitgliedern (174.000 Mitglieder 1921). Um Lohnsenkungen oder andere Verschlechterungen zu verhindern, kam es immer wieder zu Streiks. Der österreichweite Metallarbeiter:innenstreik von 1924, der beinahe einen Generalstreik auslöste, bildete den Höhepunkt dieser Streikwelle: 110.000 Beschäftigte streikten, weil die Arbeitgeber:innen die Arbeitszeit verlängern wollen. Erst als die Elektrizitätsarbeiter:innen in der Wiener Innenstadt den Strom abschalteten, kommt langsam Bewegung in die Verhandlungen. Schließlich wurden die Mindestlöhne um 20 Prozent erhöht, die IST-Löhne um 10 Prozent. Viele Arbeiter:innen waren aber unzufrieden.
 
Weltwirtschaftskrise und Zweiter Weltkrieg
 
Die zarte Erholung der Wirtschaft Ende der 1920er Jahre endete jäh mit dem Börsenkrach in New York am 25. Oktober 1929. Eine Weltwirtschaftskrise folgte. In Österreich ging der Außenhandel um 49 Prozent zurück, die Produktion in der Metallverarbeitung gar um 66 Prozent. Die Arbeitslosenzahlen stiegen rasant, Kollektivverträge konnten die schlechte Wirtschaftslage, die Inflation bis 1934, nicht mehr ausgleichen. Während des Austrofaschismus wurden die Kollektivverträge von ständestaatlichen Gewerkschaften verhandelt und während des Nationalsozialismus bestimmte der Reichstreuhänder Lohnerhöhungen.
 
1947: Hungerdemonstration in Wien
1947: Hungerdemonstration in Wien
 
Zweite Republik – geprägt von Konsens
 
Im Nachkriegsösterreich fehlte es an allem, nur nicht an Geldscheinen. Die Regierung setze zwar Maßnahmen gegen die hohe Inflation, sie kamen aber zu spät bei den Arbeiter:innen an. Demonstrationen und Streiks waren die Folge, die Menschen hatten Hunger. Der noch vor Kriegsende neu gegründete ÖGB forderte sofortige Hilfe und verteilte selbst Lebensmittel, Schuhe und Kleidung. 1947 marschierten 4.000 BetriebsrätInnen zum Bundeskanzlerarmt und forderten die Angleichung der Löhne an die Preise und die Bekämpfung des Schleichhandels. Zwischen 1947 und 1951 wurden fünf Lohn-Preis-Abkommen geschlossen, um Preise und Löhne aufeinander abzustimmen und die Inflation niedrig zu halten. Die Löhne hinkten den Preisen dennoch hinterher. Besonders das vierte Lohn-Preis-Abkommen war umstritten und gipfelte im Oktoberstreik 1950. Für die Eindämmung der Inflation und der Arbeitslosigkeit in Folge des Koreakriegs, waren Sozialpartnerverhandlungen (damals noch Wirtschaftsdirektorium genannt) maßgeblich. 1957 wurde die Paritätische Kommission als Nachfolge zu den Lohn-Preis-Abkommen gegründet.
 
Wirtschaftsaufschwung und Benya-Formel
 
In den 1960er Jahren gab es wirtschaftlichen Aufschwung, Vollbeschäftigung und ein ausgewogenes Preis-Lohnsystems. Die Arbeitszeitverkürzung auf 45 Wochenstunden wurde vereinbart und die Gewerkschaft der Metall- und Bergarbeiter schaffte es 1962 mittels eines Streiks die Frauenlöhne in den Kollektivverträgen abzuschaffen und österreichweit den gleichen Lohn zu verankern.
 
Der damalige Gewerkschaftspräsident und Metaller Anton Benya legte mit seiner Formel, Lohnerhöhungen umfassen die Inflation plus den Wert des mittelfristigen Produktivitätszuwachses, den Grundstein für kommende Lohnverhandlungen. Seither stärken Lohnerhöhungen die Kaufkraft und tragen wesentlich zur Stabilisierung der Wirtschaft bei.
 
Die Benya-Formel hielt auch während der gesetzlichen, schrittweisen Arbeitszeitverkürzung auf 40 Wochenstunden, der Verlängerung des Urlaubsanspruchs auf fünf Wochen pro Jahr und während des Erdölpreisschocks Anfang der 1970er-Jahre. 1974 erreichte die Inflation 9,5 Prozent, dennoch lagen die Lohnerhöhungen immer darüber.
 
Zweiter Erdölpreisschock und Nulllohnrunden
 
Die 1980er-Jahre begannen zwar mit dem Ende der Vollbeschäftigung und dem Anstieg der Inflation durch den zweiten Erdölpreisschock. Doch trotz der ständigen Forderung nach Nulllohnrunden der Unternehmen und deren Androhung von Kündigungen, gelang den Metaller:innen in den 1980er-Jahren stets über der Inflation abzuschließen und im Rahmenrecht Verbesserungen zu erzielen. Im Jahr 1984 wurde erstmals der erste „Karenzurlaub“ nach dem Mutterschutzgesetz auf dienstzeitabhängige Ansprüche angerechnet und Überstunden können seither auch als Freizeit konsumiert werden. Zwei Jahre später wurde die Arbeitszeit von 40 auf 38,5 Wochenstunden reduziert. 1989 erreichten die Gewerkschafter:innen das Verhandlungsziel von 10.000 Schilling Mindestlohn.
 
1962: Streik bei Siemens & Halske   1962: Streik der Arbeiter:innen bei Siemens & Halske
 
Forderungen der Arbeitgeber
 
Auch wenn die 1990er-Jahre geprägt waren von Rationalisierungen, steigendem Arbeitsdruck und Sparpaketen, endeten sie mit dem Erreichen von 15.000 Schilling Mindestlohn im Jahr 1999. In den 2000er Jahren stellten auch die Arbeitgeber zunehmend Forderungen auf, so etwa nach Lohnverhandlungen auf betrieblicher Ebene. Mit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise durch den Zusammenbruch der amerikanischen Großbank Lehmann Brothers 2008 wollten sie „Notkollektivverträge“ abschließen, um die Konjunkturkrise abzufangen, versuchten das Verhandlungsprozedere zu ändern oder den einheitlichen Kollektivvertrag zu sprengen.
 
Am Ende stand durch ein ausgewogenes Verhältnis von Verhandlungsgeschick und Hartnäckigkeit aber wieder der Konsens. Die Löhne stiegen über der Inflationsrate, Einmalzahlungen und rahmenrechtliche Verbesserungen wie die Freizeitoption, der 31. und 24. Dezember arbeitsfrei, die Umwandlung des Jubiläumsgeldes in Freizeit oder 2.000 Euro Mindestlohn wurden in dieser Zeit erreicht.
 
BR-Konferenz am 29.09.2015 in der Wiener Stadthalle   2015: Konferenz von 2.000 Betriebsrät:innen der Metallindustrie in der Wiener Stadthalle; die Arbeitgeber wollten erst verhandeln, wenn sie wüssten, was die Regierung plane (gesetzliche Erleichterungen für Arbeitnehmer:innen standen im Raum).
 
Geschichte wiederholt sich
 
Heuer stehen die Kollektivvertragsverhandlungen wieder unter dem Zeichen eines Krieges und der damit ausgelösten hohen Inflation. Doch wie die Geschichte gezeigt hat, wird auch dieses Mal entscheidend sein, dass die Beschäftigten zusammenstehen und gemeinsam kämpfen.
 

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