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Gewerkschaftsmitglieder sichern Lohnerhöhungen

Das Verhandeln von Lohnerhöhungen ist eine der Hauptaufgaben von Gewerkschaften. Lohnpolitik kann man wissenschaftlich sehr trocken beschreiben. In der Praxis sind kollektivvertragliche Lohnrunden alles andere als staubtrocken und führen immer wieder zu gewerkschaftlichen Kampfmaßnahmen, denn es geht schließlich um die Verteilung des wirtschaftlichen Erfolgs.

Die Gewerkschaftsmitglieder machen Lohnpolitik. Ja, richtig gelesen, denn Lohnniveau und Lohnerhöhungen sind in Österreich sehr eng verknüpft mit den Kollektivvertragsverhandlungen. Im PRO-GE-Bereich sind es 118 Kollektivverträge, die für ArbeiterInnen und Lehrlinge in unterschiedlichen Industrie- und Gewerbebereichen verhandelt werden. Insgesamt werden jährlich rund 450 Kollektivverträge von den Gewerkschaften mit den Sozialpartnern neu abgeschlossen. Neben regelmäßigen Lohnerhöhungen sind auch Arbeitszeiten, Mindestlöhne, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Zulagen oder Überstundenzuschläge im Kollektivvertrag geregelt. „Wenn die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen alle einzeln verhandeln würden, würden viele ihr jetziges Lohnniveau gar nicht erreichen“, erläutert etwa Wirtschaftswissenschafter Markus Marterbauer den hohen Nutzen für die Beschäftigten.

Nachhaltige Erhöhungen

Aktuell könnte diese produktivitätsorientierte und solidarische Lohnpolitik auch der Schlüssel für eine gute wirtschaftliche Entwicklung in Europa nach der Coronakrise sein. Dies schreibt unter anderem Autor Michael Mesch in einer aktuellen Studie über den kollektivvertraglichen Deckungsgrad in der EU. Vor allem dann, wenn die Arbeitslosigkeit nach der Coronakrise abgebaut, die Ungleichheit verringert und ein „nachhaltiger Anstieg der Realeinkommen für die große Mehrheit der Bevölkerung“ erreicht werden soll, so Mesch.

KV-Abschlüsse Metallindustrie 2011-2020

Aus diesem Grund drängt etwa die PRO-GE bei Kollektivvertragsverhandlungen vor allem auf nachhaltige Lohnerhöhungen. Mit Einmalzahlungen, die gerne von Arbeitgebern bei Lohnrunden ins Spiel gebracht werden, würde das Einkommensniveau in Wahrheit sinken. „Einmalzahlungen sind vielleicht der Schnittlauch aufs Butterbrot. Sie können aber nachhaltige Lohnsteigerungen nie ersetzen“, sagt PRO-GE Bundesvorsitzender Rainer Wimmer dazu. Eine Einmalzahlung wirkt nur kurzfristig und der Betrag wäre zumeist schon in ein paar Monaten von einer Erhöhung des Stunden- oder Monatslohns eingeholt.

Löhne sind Politik

Grundsätzlich versuchen Gewerkschaften, Branchenkollektivverträge zu erreichen, um für ganze Bereiche das Lohnniveau zu heben. Dies ist in der Industrie oft einfacher als im klein strukturierten Gewerbe. Branchenkollektivverträge setzen Mindeststandards und schützen so die einzelnen ArbeitnehmerInnen auch in Kleinbetrieben vor unangemessenen Löhnen. Neben dieser kollektivvertraglichen Ebene gibt es die betriebliche Lohnpolitik, wo zusätzliche Leistungen wie zum Beispiel Prämienzahlungen vereinbart werden können. Das gelingt den Belegschaften nur dann, wenn es einen Betriebsrat gibt, der mit dem Firmenchef verhandeln kann. „Die Erfahrung zeigt, dass Betriebe ohne Betriebsrat nur sehr selten solche Vereinbarungen erreichen. Auch Studien belegen, dass durch einen Betriebsrat das Lohnniveau in Betrieben steigt“, sagt Reinhold Binder, Bundessekretär für Organisation.

Solidarische Lohnpolitik

Es sind also BetriebsrätInnen und Gewerkschaftsmitglieder, die in der Praxis Lohnpolitik betreiben und das Lohnniveau steigern. Daher gilt auch hier: je mehr Gewerkschaftsmitglieder und BetriebsrätInnen, desto mehr Druck lässt sich bei Lohnverhandlungen erzeugen. Diese Notwendigkeit einer möglichst guten Verhandlungsposition ergibt sich schlicht aus den gegensätzlichen Zielen der Verhandlungspartner. Während die Gewerkschaften möglichst viel für ihre Mitglieder bzw. für die ArbeitnehmerInnen herausholen wollen, versuchen die Arbeitgeberverbände das mit allen Mitteln abzuwehren.

Dieser Verteilungskampf ist immer wieder eine knallharte Machtfrage, bei der Unternehmer meist eine bessere Ausgangsposition haben. Rainer Wimmer, der selbst die Bereiche Elektro- und Elektronikindustrie, Metallindustrie und Metallgewerbe verhandelt, sagt: „Auch wenn es wirtschaftlich sehr gut läuft, haben Arbeitgeberverhandler noch nie freiwillig ihre Geldschatulle geöffnet und den Beschäftigten einen ordentlichen Anteil am Erfolg weitergegeben. Jedes Jahr müssen Lohnerhöhungen von den ArbeitnehmerInnen erkämpft werden.“ Nur die Solidarität in den Betrieben kann den Druck auf die Arbeitgeber erhöhen und die Verhandlungsposition der ArbeitnehmerInnen verbessern. Ein gemeinsamer Arbeitskampf ist manchmal notwendig, um festgefahrene Verhandlungen wieder in Gang zu bringen.

Autonomie der KV-Verhandlungen

Auch der Staat kann Löhne beeinflussen. Etwa mit Gesetzen und Kontrollen gegen Lohndumping. Wichtig ist aber, dass der Staat die Unabhängigkeit der jeweiligen Kollektivvertragspartner achtet. Dies ist nicht in allen Ländern so. Manchmal greift der Staat zum Beispiel durch Festlegung eines gesetzlichen Mindestlohnes ein.

Kollektivvertragsbindung in Europa

Während in Österreich 98 Prozent der ArbeitnehmerInnen durch Kollektivverträge abgesichert sind und Mindestlöhne von den Sozialpartnern für die jeweilige Branche festgelegt werden, sind in anderen Ländern die Systeme gänzlich anders und Branchenkollektivverträge eine Seltenheit. Oder die Arbeitgeber flüchten aus den Kollektivverträgen, um das Lohnniveau zu drücken. In Deutschland zum Beispiel sinkt die Kollektivvertragsabdeckung ständig und liegt aktuell nur noch bei 52 Prozent. Gleichzeitig stieg die Anzahl von Niedrig- und Niedrigstlöhnen im letzten Jahrzehnt so rasant an, dass die deutsche Regierung mit einem gesetzlichen Mindestlohn eingreifen musste.

Einkommenssicherheit

In schwierigen wirtschaftlichen Zeiten wie der Finanzund Wirtschaftskrise 2008/2009 oder 2020 mit den Auswirkungen der Pandemie auf die weltweite Wirtschaft, kommen immer wieder Ideen auf, die Löhne zu kürzen. Dies ginge allein schon dadurch, dass die Inflation nicht abgegolten wird und die Reallöhne dadurch sinken würden. Wenn also etwa die Preise für Nahrungsmittel oder Mietwohnungen steigen und die Löhne gleich bleiben, sinkt die Kaufkraft der ArbeitnehmerInnen. Dass dies zwar auch der Wirtschaft schadet, ist vielen klar, aber eben nicht allen. Darum ist es wichtig, auch in Krisenzeiten die Löhne zu erhöhen und damit die Gesamtwirtschaft zu stabilisieren. Die Kollektivverträge sind enorm wichtig für die Stabilität. Im Klartext heißt das: mehr Einkommenssicherheit statt Lohnkürzungen.

Begriffe kurz erklärt


Mindestlöhne: Es gibt keine gesetzlichen Mindestlöhne, sondern diese werden regelmäßig von den Gewerkschaften verhandelt und in den Kollektivverträgen festgeschrieben.

Ist-Löhne und Überzahlungen: Wenn der vereinbarte Lohn höher ist, als der Kollektivvertrag es vorschreibt, heißt diese vereinbarte Bezahlung Ist-Lohn. Überzahlung bezeichnet die Differenz zwischen dem Ist-Lohn und dem kollektivvertraglichen Lohn.

Lohnerhöhungen: Es gibt keine jährliche gesetzliche Lohnerhöhung. Diese wird im Rahmen von Kollektivvertragsverhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden vereinbart und ist je nach Branche unterschiedlich.


Nachhaltigkeit und Einmalzahlungen: Unter nachhaltigen Lohnerhöhungen versteht man, dass die im Kollektivvertrag festgehaltenen Stunden- oder Monatslöhne um einen vereinbarten Prozentsatz angehoben werden. Einmalzahlungen hingegen erhöhen nicht das Lohniveau.

Kaufkraft: Die Kaufkraft gibt an, welche Gütermenge mit einem bestimmten Geldbetrag gekauft werden kann. Erhöht sich das Preisniveau, sinkt die Kaufkraft.

Nominallohn und Reallohn: Der Nominallohn ist das Entgelt für geleistete Arbeit. Um aber Aussagen über die Kaufkraft machen zu können, muss die Inflationsentwicklung berücksichtigt werden, wie es beim Reallohn der Fall ist. 

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