Pensionen
Pensionsmythen im Faktencheck
„Ich glaube nicht, dass ich einmal eine Pension bekommen werde“ – das befürchten nicht wenige junge Menschen in Österreich. Und es erscheint ja auch logisch: Wir leben immer länger und damit müssen immer weniger Erwerbstätige immer mehr Pensionist:innen erhalten. Zumindest länger bis zur Pension zu arbeiten, ist auf jeden Fall nötig, das sagen jedenfalls die Wirtschaftswissenschafter:innen ständig in den Medien. Wie steht es tatsächlich um unser Pensionssystem?
Wer die mediale Berichterstattung zum Thema Pensionen verfolgt, dem:der kann über die finanzielle Absicherung im Alter schnell Angst und Bange werden. Mit schöner Regelmäßigkeit warnen Politiker:innen, Industriellenvereinigung oder Ökonom:innen öffentlichkeitswirksam, dass die Kosten für die Pensionen explodieren würden, das System stehe vor dem Kollaps.
Krisensicheres Umlageverfahren
„Das österreichische Pensionssystem ist eines der besten, stabilsten und leistungsfähigsten der Welt“, sagt im Gegensatz dazu PRO-GE Bundesvorsitzender Reinhold Binder. Weil sich das Umlageverfahren als ausgesprochen krisensicher erwiesen hat, wohingegen kapitalgedeckte Pensionen regelmäßig Einbußen hinnehmen mussten, wenn die Finanzmärkte auf Talfahrt gingen. Und weil die geltende Pflichtversicherung auf solidarischen Prinzipien aufbaut und nicht auf Profit. Die Interessen der Versicherten haben Priorität, nicht die des Versicherers.
Mehr noch: „Unser Pensionssystem ist kurz-, mittel- und langfristig stabil und finanzierbar“, stellt sich Binder gegen die so häufig verbreitete Mär vom drohenden „Pensionsloch“. Warum treffen in dieser Frage also so gegensätzliche Standpunkte aufeinander? Ganz einfach, weil dabei politische und wirtschaftliche Interessen oft die Fakten überlagern. Es geht um Neoliberalismus versus Sozialstaat und um die Verteilung von Wohlstand. Es geht um Geschäftsmöglichkeiten für Banken und Versicherungen, die „Vorsorgeprodukte“ an den Mann und die Frau bringen wollen.
Deshalb wollen wir genauer hinschauen. Gemeinsam mit der Ökonomin Sophie Achleitner vom Momentum Institut nehmen wir fünf oft wiederholte, aber selten hinterfragte Behauptungen unter die Lupe.
Pensionsmythos #1: „Die Menschen werden immer älter – wir können uns das nicht mehr leisten.“
Dass wir immer älter werden, wird gerne behauptet, tatsächlich stagniert die Lebenserwartung in Österreich aber seit gut einem Jahrzehnt. Was allerdings auch stimmt: Der Anteil der über 65-Jährigen wird ansteigen, von derzeit rund 20 Prozent auf fast 30 Prozent im Jahr 2070. Weil aber auch zahlreiche Reformen durchgeführt wurden, wie die Umstellung auf das Pensionskonto, die Angleichung des gesetzlichen Antrittsalters der Frauen und das Auslaufen der Beamtenpensionen, bleibt der Pensionsaufwand trotz höherem Anteil der Älteren an der Bevölkerung stabil. Eine ältere Gesellschaft wird trotzdem mehr ausgeben müssen, nicht nur für Pensionen, sondern vor allem auch für Gesundheit und Pflege. „In einem der wohlhabendsten Länder der Welt ist die Frage aber nicht, ob wir uns das leisten können, sondern ob wir uns eine würdige Altersversorgung leisten wollen“, meint Achleitner.
Pensionsmythos #2: „Der Bund muss immer mehr Geld zuschießen.“
Die jährlichen Pensionsausgaben werden sich bis 2070 voraussichtlich auf 45 Milliarden Euro in etwa verdoppeln. „Die absoluten Werte sind aber hier nicht relevant“, sagt Achleitner, „was zählt, ist die Entwicklung im Verhältnis zu anderen wirtschaftlichen Kennzahlen vor allem zum Bruttoinlandsprodukt.“ Und diese Relation bleibt eben ziemlich konstant, weil auch die Löhne steigen werden und damit die Einnahmen der Pensionsversicherung und ganz allgemein das BIP wachsen werden – und weil die erwähnten Reformen eben bereits wirken. Der Ageing Report 2024 der EU-Kommission prophezeit Österreich einen Anstieg der Pensionsausgaben bis 2070 von 0,4 Prozentpunkten. „Damit steht Österreich auch im europäischen Vergleich sehr gut da und liegt deutlich unter dem EU-Schnitt von 1,36 Prozentpunkten“, stellt die Ökonomin fest.
Pensionsmythos #3: „Die Pensionen sind der größte Posten im Budget.“
Der Bund unterstützt die Pensionsversicherung mit Steuergeld. „Damit wird aber kein vermeintliches ‚Pensionsloch‘ gestopft“, betont Achleitner. Im Bereich der unselbstständig Beschäftigten deckten 2022 die Beiträge der unselbstständig Erwerbstätigen 75 Prozent der Gesamtaufwendungen ab, von denen die Alterspensionen aber nur 74 Prozent ausmachten. Für die unselbstständig Beschäftigten bräuchte der Staat also aus Steuermitteln nichts zuschießen.
Wofür braucht es aber dann den Bundesbeitrag? Einerseits, weil bei Selbstständigen und Bauern bzw. Bäuerinnen die Beiträge geringer als die Pensionsauszahlungen sind, zum anderen aber, weil die Pensionsversicherung weitere Aufwendungen finanzieren muss, zum Beispiel die Ausgleichszulage (Mindestpension), Hinterbliebenen- und Invaliditätspensionen, Gesundheitsvorsorge und Rehabilitation und mehr. „All das wurde vom Staat in die Zuständigkeit der Pensionsversicherung gelegt. Daher ist nur logisch und auch gerecht, dass dafür auch Steuergeld zugeschossen wird“, stellt Achleitner klar.
Pensionsmythos #4: „Die Zahl der Erwerbstätigen sinkt.“
Der Anteil der Personen im erwerbsfähigen Alter wird künftig schrumpfen, für das Pensionssystem ist aber vielmehr entscheidend, wie viele davon tatsächlich einer Beschäftigung nachgehen. Gerade die Erwerbstätigkeit von Älteren ist in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen, trotzdem tritt fast ein Drittel der unselbstständig Beschäftigten die Pension nicht aus Erwerbstätigkeit heraus an. Die Arbeitslosenquote ist bei den Altersgruppen zehn Jahre vor dem gesetzlichen Pensionsantrittsalter besonders hoch, bei weitem am höchsten bei Männern über 65.
Genau in diesem Bereich sieht die Volkswirtin Achleitner den besten Hebel zur Absicherung der Pensionen: „Die Entwicklungen des Arbeitsmarkts sind für das Pensionssystem entscheidender als die Bevölkerungsentwicklung.“ Je mehr Menschen bis zum gesetzlichen Antrittsalter arbeiten, desto leichter fällt die Finanzierung der Pensionen. „Die Erwerbsbeteiligung der Älteren ist aber nicht in Stein gemeißelt, sondern kann beeinflusst werden“, fordert Achleitner von Politik und Unternehmen mehr Engagement für alternsgerechtes Arbeiten.
Pensionsmythos #5: „Weil wir älter werden, müssen wir auch länger arbeiten.“
Eine häufig gestellte Forderung ist die Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters von 65 auf 67 Jahre. Wie würde sich das auswirken? Männer verbringen in Österreich durchschnittlich 60,6 und Frauen 61,3 Jahre in guter Gesundheit. Das liegt unter dem EU-Schnitt (62,4 bzw. 62,8 Jahre) und vor allem deutlich unter dem Pensionsantrittsalter von 65. „Österreich geht im Schnitt krank in Pension“, stellt Achleitner fest. Dazu kommt eine soziale Schieflage: Menschen mit geringem Einkommen haben eine niedrigere Lebenserwartung, sie wären deshalb auch wirtschaftlich die großen Verlierer:innen eines höheren Antrittsalters. Ein Mann aus dem untersten Einkommensfünftel verlöre bei zwei Jahre längerem Arbeiten mit 13 Prozent seines gesamten Pensionseinkommens mehr als doppelt so viel wie ein Mann aus dem obersten Fünftel mit nur sechs Prozent.
Besonders stark betroffen wären Frauen, weil zu den Verlusten durch die Angleichung des Antrittsalters noch weitere zwei Jahre Pensionsentfall hinzukämen und das bei ohnehin durch Karenz und Teilzeit geringerem Lebenseinkommen und niedrigeren Pensionen. Im Schnitt bekommen Frauen in Österreich um 41 Prozent weniger Pension ausgezahlt als Männer. Zwei Drittel der Mindestpensionsbezieher:innen sind weiblich, jede fünfte Pensionistin ist armutsgefährdet, weil die Mindestpensionen nicht armutsfest sind.
Was bleibt zu tun?
Obwohl also kein Grund für Alarmismus besteht, sieht die Momentum-Ökonomin in einigen Bereichen Handlungsbedarf. Dazu gehört vor allem, alternsgerechte Arbeitsplätze zu schaffen – dabei sollten auch durchaus die Unternehmen stärker in die Pflicht genommen werden, findet Achleitner. Das faktische Pensionsantrittsalter, das seit 2015 von 58,5 schon auf 61,2 Jahre gestiegen ist, weiter zu erhöhen, ist der beste Weg, das Pensionssystem abzusichern. Die Mindestpensionen müssen endlich armutsfest gemacht werden, fordert Achleitner, um die Armutsgefährdung im Alter zu reduzieren. Last but not least sollten Kindererziehungszeiten besser angerechnet werden, um die Frauenpensionen zu stärken.
Glück auf! 3/2025