Lehrlingszahlen: „Wirtschaft sägt an dem Ast, auf dem sie sitzt“
Unternehmen für Facharbeitskräftemangel selbst verantwortlich; Gewerkschaft fordert Ausbildungsfonds und Umsetzung der Qualifizierungsoffensive
Die Situation am Lehrstellenmarkt ist angespannt: Nach einem starken Rückgang 2025 bei Lehrbetrieben und Lehrlingszahlen wuchs die Lehrstellenlücke auf aktuell mehr als 3.500 Stellen an (Jänner 2026). Laut der WKÖ-Lehrlingsstatistik für 2025 ist die Anzahl der Lehrbetriebe in Österreich gegenüber dem Vorjahr um 3,8 Prozent zurückgegangen. „Wir haben mehr als 1.000 Ausbildungsbetriebe verloren. Das ist in Zeiten eines steigenden Bedarfs an Facharbeitskräften alarmierend. Wer heute nicht ausbildet, wird morgen umso lauter nach Fachkräften rufen müssen“, sagt PRO-GE Bundesvorsitzender Reinhold Binder.
Qualifizierungsoffensive endlich umsetzen
Der immer größer werdende Bedarf an Facharbeitskräften ist für Binder eine zentrale Zukunftsfrage für die heimische Wirtschaft. Ohne Gegenmaßnahmen könnte sich der Fachkräftemangel sogar negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken. „Unternehmen brauchen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ausgebildet und qualifiziert sind, um die wichtigen Zukunftstechnologien zu beherrschen. Ganz entscheidend ist daher neben der dualen Lehrlingsausbildung auch die in der Industriestrategie festgehaltene Qualifizierungsoffensive für ungelernte oder angelernte Arbeitskräfte“, betont der PRO-GE Vorsitzende.
„Jeder Fußballverein, jede Blasmusikkapelle oder jede andere Organisation weiß, warum sie Nachwuchsarbeit betreibt. Ohne Jugend, keine Zukunft. Ohne Lehrstellen, keine Fachkräfte!“
Dramatischer Rückgang an Lehrstellen
Es gelte dem drohenden Verlust von Know-how mit aller Kraft entgegenzuwirken. Die sinkende Anzahl an Ausbildungsbetrieben und der Rückgang an Lehrlingen werde die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe massiv schwächen. Dies werde sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen, kritisiert Binder. Denn allein in der Sparte „Industrie“ beträgt das Minus an Lehrlingen im ersten Lehrjahr dramatische 14 Prozent. „Jede 7. Lehrstelle in Österreichs Industriebetrieben wurde 2025 gestrichen. Mit diesem Verhalten sägt die Wirtschaft an dem Ast, auf dem sie eigentlich sitzt“, betont Binder und kritisiert die Kurzsichtigkeit vieler Unternehmen: „Jeder Fußballverein, jede Blasmusikkapelle oder jede andere Organisation weiß, warum sie Nachwuchsarbeit betreibt. Ohne Jugend, keine Zukunft. Ohne Lehrstellen, keine Fachkräfte!“
Mehr Gerechtigkeit durch Ausbildungsfonds
Um mehr Gerechtigkeit in die Lehrlingsausbildung zu bringen, fordert die Produktionsgewerkschaft eine Gesetzesänderung. Ausbildungsbetriebe sollen künftig durch einen Ausbildungsfonds unterstützt werden. Dieser Fonds solle von jenen Betrieben gespeist werden, die sich nicht an der Lehrlingsausbildung beteiligen. „Ausbildungsfaule Betriebe müssen künftig an den Kosten beteiligt werden. Für die bereits jetzt vorbildlichen Unternehmen wird so mehr Gerechtigkeit geschaffen und das duale Lehrausbildungssystem wieder attraktiver werden“, betont Binder.