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Metallindustire

Sind die Löhne schuld an der Industriekrise?

Unternehmer:innen, Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung sind wieder einmal im Jammer-Modus unterwegs: Österreich ist international nicht mehr konkurrenzfähig, wir haben uns „aus dem Wettbewerb gepreist“. Festgemacht wird diese Behauptung gerne an den „Lohnstückkosten“. In der Realität sind die Zusammenhänge allerdings ein wenig komplexer – ein genauer Blick lohnt sich.

Österreich ist kein Niedriglohn-Standort. Im europäischen Vergleich liegen die Einkommen für Industrie-Beschäftigte im oberen Mittelfeld und klar über dem Durchschnitt der EU-Mitgliedstaaten. Trotzdem kann die österreichische Industrie auf eine jahrzehntelange Erfolgsstory verweisen. In den letzten 30 Jahren stieg die Wertschöpfung der Industrie um 87 Prozent – stärker als der EU-Durchschnitt mit 66 Prozent und stärker als beim wichtigsten Handelspartner Deutschland mit 45 Prozent.

Hohe Löhne – hohe Produktivität

Trotz vergleichsweiser hoher Löhne war die österreichische Industrie also sehr erfolgreich, weil nämlich auch die Produktivität – also die Wertschöpfung bezogen auf die Anzahl der Beschäftigten (Produktivität pro Kopf) oder auf die Arbeitsstunden (Stundenproduktivität) – hoch war. Auch im internationalen Vergleich zeigt sich: Länder mit hohen Stundenlöhnen verfügen nicht nur über eine höhere Stundenproduktivität, die Unterschiede fallen bei der Produktivität sogar größer aus als bei den Löhnen.

Balkengrafik mit Stundenlöhnen und Stundenproduktivität in der Industrie nach Ländern
Länder mit hohen Löhnen weisen auch eine hohe Produktivität auf. Quelle: Eurostat, Berechnungen: AK Wien

Bei den Lohnstückkosten wird beides in Relation gesetzt. Konkret errechnen sich Lohnstückkosten aus der Division der Arbeitskosten durch die Produktivität. Allerdings ist eine isolierte Betrachtung der Lohnstückkosten wenig sinnvoll, erst im Vergleich unterschiedlicher Volkswirtschaften gewinnen sie Aussagekraft. Dabei zeigt sich: Im Vergleich zu den Handelspartnern entwickelten sich in den 2000er- und 2010er-Jahren die Lohnstückkosten in Österreich fast durchgehend günstiger. Die Jahre 2021 und 2022 waren von kräftigem Wachstum der Industrie geprägt, die relativen Lohnstückkosten gegenüber allen Handelspartnern sanken um nahezu zehn Prozentpunkte.

Liniengrafik 1995 bis 2024
Kosten-Entwicklungen in Österreich und bei allen Handelspartnern im Vergleich: Bei Werten über 100 waren die Steigerungen in Österreich höher als bei den Handelspartnern, bei Werten unter 100 niedriger, Basisjahr (100) ist 2015. Die Differenz zwischen Arbeitsentgelten und Lohnstückkosten entsteht vor allem aufgrund der Produktivitätsentwicklung. Quelle: WIFO Monatsbericht 10/2025

2023 und 2024 drehte die Entwicklung, nicht zuletzt, weil die Untätigkeit der damaligen schwarz-grünen Regierung Österreich eine der höchsten Teuerungsraten in Europa bescherte: Die Wertschöpfung der Industrie ging deutlich zurück, die Löhne stiegen etwas stärker als bei den wichtigsten Handelspartnern. Wie die Inflation stiegen auch die Lohnstückkosten über dem europäischen Durchschnitt.

Neuorientierung auf den EU-Binnenmarkt

Der Produktivitätsrückgang steht also einer bis dahin ausgesprochen positiven Entwicklung gegenüber. Trotzdem sollte er als Herausforderung sehr ernst genommen werden. Die Veränderungen der Weltwirtschaft zeigen auf, dass die österreichische Industrie neue Wege abseits des „Exportismus deutscher Prägung“ finden muss. Eine einseitige Fokussierung auf Lohn- und Sozialabbau zugunsten niedrigerer Produktionskosten gefährdet aber die Nachfrage am europäischen Binnenmarkt und gerade der sollte für mehr Unabhängigkeit von den globalen Verwerfungen gestärkt werden.

Autor: Dr. Bernhard Leubolt ist PRO-GE Fachexperte für Volkswirtschaft