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Lebensmittelkonzerne leiden unter kurzfristigem finanziellen Denken

IUL-Grundsatzpapier beschäftigt sich mit Auswirkungen auf die Beschäftigten und Strategien zur Bekämpfung.

LebensmittelarbeiterInnen bekommen die Auswirkungen kurzfristigen finanziellen Denkens tagtäglich zu spüren. Für viele Beschäftigte bedeutet das Betriebsschließungen, Freisetzungen, weniger Mitarbeiterschulungen und mehr prekäre Arbeit. Die Internationale Union der Lebensmittel-, Landwirtschafts-, Hotel-, Restaurant-, Catering- und Genussmittelarbeiter- Gewerkschaften (IUL) hat sich deshalb in einem Grundsatzpapier ausführlich mit dem Thema beschäftigt, die Auswirkungen und Möglichkeiten zur Bekämpfung analysiert.

Vom Langweiler zum Spekulationsobjekt

Gerade die Lebensmittelindustrie wurde nicht seit jeher von kurzfristigen Finanzstrategien dominiert, sondern galt im Gegenteil bis in die 1970er Jahre als "langweilig". Die Unternehmen setzten auf langsame und geduldige Investitionen in physische Vermögenswerte und Beschäftigung. Erfolg wurde am Marktanteil, an Kreditwürdigkeit und Aktienkurs gemessen. Die Erträge waren bescheiden, aber zuverlässig stabil – schließlich wurden Lebensmittel selbst in wirtschaftlichen Krisenzeiten gebraucht.

Heute werden die Strategien nicht mehr von geduldigen langfristigen Investitionen bestimmt, sondern von kurzfristigen Bewegungen der Aktienkurse, die Unternehmen konkurrieren auf den Finanzmärkten um das Angebot der höchsten Renditen. Signalisierte die Vernichtung von Arbeitsplätzen einst eine ungewisse Zukunft und schlug sich in sinkenden Aktienkursen nieder, wird die massive Kürzung von Arbeitsplätzen heute geradezu angekündigt, um Investoren anzulocken – ohne Rücksicht auf operative Konsequenzen. Große Fusionen und Akquisitionen folgen nicht mehr einer Branchen- sondern der Finanzmarktlogik.

Schneller Gewinn statt nachhaltiger Entwicklung

Für die Beschäftigten ist dann kaum nachvollziehbar, warum Milliarden in den Rückkauf von Aktien umgeleitet werden, wenn ihr Unternehmen gerade Marktanteile verliert und darum kämpft, das Letzte aus einer veralteten Ausrüstung zu quetschen; warum einem positiven Jahresbericht die Ankündigung folgt, dass Zehntausende gekündigt werden sollen; oder warum erfolgreiche Marken an Investmentfonds verkauft, anstatt durch Investitionen gestärkt zu werden. Sie sind mit den Folgen der Finanzialisierung und einer ihrer wesentlichen Antriebskräfte, der kurzfristigen finanziellen Gewinnerwartung, konfrontiert und damit der Absicht, aus einem Unternehmen in kürzest möglicher Zeit so viel Gewinn wie möglich zu pressen.

Diese Finanzialisierung kam in den 1970er Jahren auf, ausgelöst durch schrumpfende Gewinnspannen und die Entstehung neuer, mobiler Kapitalpools, die häufig in nicht regulierten Offshore-Konten geparkt waren. Sie hat seither stetig an Tempo zugelegt und im Verhältnis zu den Produktions- und Dienstleistungsoutputs zu einer massiven Steigerung der globalen finanziellen Vermögenswerte geführt. Relativ wenig davon – rund 15 Prozent – findet den Weg in produktive, nicht-finanzielle Investitionen, der Rest wird innerhalb des aufgeblähten Finanzsektors einfach recycelt.

Entkoppelung des Gewinns von der Produktion

Physische Vermögenswerte, also Fabriken, Ausrüstung und Beschäftigte, die einst die Grundlage für Stärke waren, werden heute als Verbindlichkeiten behandelt. Fusionen und Akquisitionen, häufig über riesige Schuldenberge finanziert, sind – anders als ‚geduldige‘ Investitionen in die langfristige Zukunft eines Unternehmens – der schnellste und direkteste Weg zum Gewinn. Statt über Produktion werden Erträge über geistiges Eigentum mit Erlösen aus dem Besitz von Marken, Patenten und Trademarks generiert.

Der Finanzmarktkapitalismus hebt damit auch die Koppelung von Löhnen und Produktivität auf. Die Folgen: In weiten Teilen der Welt stagnieren die Löhne seit Jahrzehnten, in vielen Ländern liegt der Anteil der Löhne am nationalen Einkommen auf dem niedrigsten Niveau seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er. Die wirtschaftliche Dynamik der Nachkriegszeit, in der Kollektivverhandlungen (zumindest in den Industrieländern) dafür gesorgt haben, dass sich Produktivitätssteigerungen in Lohnzuwächsen niederschlugen und diese Zuwächse den Wohlfahrtstaat finanzierten, ging verloren.

Marktregeln sind keine Naturgesetze

In ihrem Grundsatzpapier untersucht die IUL aber nicht nur die historischen Entwicklungen und drei konkrete Beispiele (fremdfinanzierte Übernahme von Kraft/Heinz durch 3G Capital, die Finanzialisierung Nestlés und die Schulden und Aktienrückkäufe von Mondelēz nach der Kraft-Aufspaltung) sondern sucht auch Wege, die Finanzialisierung zu bekämpfen. So können Gewerkschaften international kooperieren, um Werksschließungen und Kündigungen anzufechten. Damit können die Kosten für die Unternehmen in die Höhe getrieben und gerade die kurzfristigen Gewinnerwartungen durchkreuzt werden.

Generell gilt: Märkte sind nichts Naturgegebenes, wie die ökonomischen Lehrbücher des Mainstreams gerne predigen, sondern politische Konstruktionen. Die Konzerne und ihre Lobbyisten haben das verstanden und bewusst an der Schaffung eines Umfelds gearbeitet, in dem kurzfristigen finanziellen Gewinnen der Vorzug gegenüber langfristigen Investitionen und dem Schutz der Rechte und des Lebensunterhalts eingeräumt wird. Das bedeutet aber auch: Diese Regeln und Gesetze können auf politischem Weg wieder geändert und gerechtere Rahmenbedingungen geschaffen werden – mit politischer Mobilisierung im Sinne gewerkschaftlicher Solidarität!

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